Dienstag, 21. Juni 2016

Behinderung - Ein ganzes halbes Jahr

Namasté ihr Lieben,

seit Samstag habe ich Urlaub. Da meine Mama weggeflogen ist, habe ich frei, um mich auch tagsüber um Finn zu kümmern. Wir haben es uns bisher sehr gemütlich gemacht.

Gestern wegen Sonnenschein ein feiner Spaziergang in toller Begleitung. Davon abgesehen lümmeln wir beide daheim rum. Ich schaue Filme und Game of Thrones, bekomme Besuch. Aber vor allem lese ich sehr viel. Und morgen steht ein Ausflug mit Oma an. Das tut alles unsagbar gut.

Schon mehrmals wurde mir "Ein ganzes halbes Jahr" empfohlen. Doch ich habe mich standhaft geweigert es zu lesen. Da ich schon oft gehört hab, dass man das halbe Buch durchweint.


Doch dann hat es mir eine Freundin so sehr ans Herz gelegt, dass ich nicht mehr widerstehen konnte. Gut kann ich mich an ihre Worte "Ja, es ist traurig. Aber es ist auch wunderschön. Und es wird dir gefallen, ich verspreche es dir!" erinnern. Dullje, wie sehr sie doch Recht hat! Am Tag drauf hab ich das Buch von ihr in die Hand gedrückt bekommen und meinte "Super, ich hab jetzt fast zwei Wochen frei, da werde ich es lesen!". Ihre Antwort: "Du wirst es in maximal drei Tagen durch haben.".

Was soll ich sagen? 26 Stunden habe ich gebraucht. Abzüglich schlafen, essen, yogieren, spazieren gehen.

Und was bleibt hängen? Eine wunderschöne Liebesgeschichte. Zwei Menschen die sich so sehr verändern. Beziehungen der unterschiedlichsten Art. Teilweise kühl, oft voller Liebe. Und vor allem darüber, dass man andere nicht besitzen kann.

Dann habe ich mir wieder Gedanken gemacht. Über Sterbehilfe, über meine Patientenverfügung. Über Behinderung. Wann ist ein Leben nicht mehr lebenswert? Kann ich das nur für mein Leben bestimmen? Oder bin ich tatsächlich in der Lage, diese Entscheidung für andere Menschen zu übernehmen? Wie gehe ich um, wenn ich Menschen mit Behinderung sehe? Bin ich täglich dankbar genug dafür, dass all meine Lieben gesund sind? Weiß ich meine eigene Gesundheit genug zu schätzen? Sollte ich mehr wagen im Leben, da Unfälle eh ganz blöd passieren können? Im Endeffekt haben wir doch nichts in der Hand... Wie würde ich reagieren, sollte ich jemals schwanger sein, wenn ich erfahre, dass das Baby eine Behinderung hat?

Fragen über Fragen... So wurde mir eins bewusst: Ich kenn tatsächlich niemand der körperlich behindert ist. Darauf folgt ein Blick auf die Seite - und da lag Finn. Friedlich schlafend, er hat sich von meine Tränen und dem Schütteln meines ganzen Körpers nicht beunruhigen lassen. So schaute ich seine (von Geburt an behinderte) linke Vorderpfote an.


Mir ist etwas eingefallen das sich, wenn ich mich richtig entsinne, 2014 ereignet hat. Weil es mir selber zu der Zeit psychisch nicht gut ging. Eine Situation die mich sprachlos gemacht hat. Ich will sie heute mit euch teilen, muss mir das grad mal von der Seele schreiben.

Wir beide waren am Vormittag Spazieren, hier in unserem Park und durch die 30er Zonen in der Nachbarschaft. Vor dem Kino und Stammlokal kreuzen sich vier Straßen - jedoch auf eine verschobene Art und Weise so das man ca. 20 Schritte machen muss um von einer auf die andere Seite zu kommen (oder brav drei Straßen einzeln überquert).

Zwei Pärchen haben sich gerade an deren Autos begrüßt und stapfen Richtung Lokal zum (m.E. überteurten) Frühstück. Sie sind laut und ironischerweise dachte ich mir schon aus der Entfernung: "Oh da is ein Scherzkeks Riesendrumdepp dabei!".

Wir gehen über die Kreuzung und ich höre den Satz:
"So was sollte man doch einfach umbringen!".

Hä????????????????????????????????????????

Der hat doch tatsächlich Finn gemeint!!!!
Ich war sprachlos. Ich konnte nichts sagen. Meine Stimme war weg. Aber mein Blick war da. Der war offensichtlich genug, denn es folgte ein kurzes (!!!) Schweigen.

Ihr glaubt es nicht, aber auch heute, Jahre später, tut mir das noch immer weh. Gerade in diesem Moment ist der Kloß im Hals wieder da, in meinen Augen bildet sich Quellwasser.

Wie kann ein Mensch Riesendrumdepp nur so herzlos sein?

Kennt ihr das? Nur wenige Sekunden später fallen mir dann immer 148 Sätze ein, die ich hätte erwidern können. Doch es war zu spät. Die vier sind dann (sehr schnell wieder lauthals lachend) ins Lokal rein.

Zum einen sagt das ja sehr gut aus, wie arg wenige Worte verletzen können. Zum anderen, wie sorgfältig wir mit unserer Sprache umgehen sollten. Denn auch das ist ahimsa und ich denke auch sofort wieder an "lokah samastah sukhino bhavantu".

Was will ich mit dieser Geschichte sagen:
Ja, es ist möglich über Behinderungen hinweg zu sehen. Denn wenn ich Finn sehe ist da nur eins: Liebe. Und sonst nix.

Insofern verstehe ich Lou und ziehe meinen Hut vor allen Menschen, die sich um Lebewesen mit Behinderung kümmern. Meinen allergrößten Respekt.


Leben ohne Liebe ist wie segeln ohne Segel.


Sonnengrüße,
Claudi

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